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Brüssel

Belgien

Nicole Bordelais

Auslandsdienstlehrkraft (ADLK), Deutsch, Französisch und Geschichte, Internationale Deutsche Schule Brüssel

Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Nicole Bordelais

Meinen Garten – einen dieser typischen Brüsseler Hinterhofgärten, eine kleine grüne Oase in der Großstadt.

Für jemanden, der noch nie da war: Wie würden Sie Belgien beschreiben?

Nicole Bordelais

Bunt, tolerant, ein bisschen chaotisch – und sehr sympathisch. Wobei es ein Belgien genauso wenig gibt wie ein Deutschland; bedingt durch die Zweisprachigkeit und die Unterschiede zwischen Wallonie und Flandern vielleicht sogar noch weniger, als bei einem Volk mit elf Millionen Einwohnern zu erwarten wäre. Ich beziehe mich in meiner Beschreibung also lieber auf die Hauptstadt Brüssel. Wer bei diesem Stichwort nur an genormte Gurken oder Staubsaugerverordnungen denkt, war noch nicht hier. Hier ist Europa – das Europa jenseits der Bürokratie – so lebendig, wie ich es noch nirgends sonst erlebt habe. Schon bei meinem letzten Auslandsaufenthalt in Asien war mir aufgefallen, dass die Franzosen, Deutschen, Engländer, Belgier, die ich getroffen habe, sich außerhalb ihrer nationalen Grenzen als Europäer fühlten und auch so definierten (in Abgrenzung etwa zu den Amerikanern oder Asiaten). Vielleicht muss man erst ganz weit weg sein, über den Tellerrand und von außen auf den eigenen Kontinent gucken, um eher das Verbindende und weniger das Trennende zu sehen. Wie eine Freundin aus Australien neidisch bemerkte: „Ihr in Europa, ihr habt so ein Glück – ihr sprecht so viele Sprachen und habt so viele Länder um euch herum. Ich spreche nur Englisch und muss immer irgendwohin fliegen, um mal etwas Anderes zu sehen.“

Wie recht sie hat, kann man in Brüssel jeden Tag erleben. Mag sein, dass die Menschen sich hier auch als Luxemburger, Finnen, Deutsche oder Bulgaren fühlen, aber im Alltag steht das nicht im Vordergrund. Das italienisch-polnische Pärchen, dem man auf der Party des belgischen Nachbarn begegnet und mit dem man sich erstmal auf eine gemeinsame Sprache für die folgende Unterhaltung verständigen muss, die Großmütter im Park, die in dieser Kleidung auch auf einem griechischen Dorfplatz sitzen könnten, die lettische Mutter auf dem Spielplatz mit ihrem englischen Mann, die fragt, ob ich gute französischsprachige Sportvereine kenne, die Supermarktverkäufer, die spontan auf Deutsch (mit flämischem Einschlag) umschwenken, als sie sehen, welche Sprache ich mit meinen Kindern spreche… DAS ist Brüssel: vielsprachig, multikulturell, tolerant, offen. Ein Sinnbild für Europa, wie es sein sollte – und damit der perfekte Ort für jeden Weltenbummler.

Das sollte man in Belgien auf keinen Fall verpassen:

Nicole Bordelais

Das Essen! Die meisten denken beim Stichwort „Belgische Spezialitäten“ wahrscheinlich an Pommes, Bier und Schokolade. All das ist hier tatsächlich im Überfluss zu finden, genauso wie Waffeln (in der Lütticher und der Brüsseler Variante) und Muscheln (köstlich!). Tatsächlich ist Brüssel aber ein noch viel größeres kulinarisches Paradies. Es gibt kaum eine Kochrichtung, die hier nicht gibt (u.a. nepalesische, kreolische, armenische, peruanische oder madagassische Küche). Und auch das Einkaufen und Kochen für den Hausgebrauch ist ein einziger Genuss: nachmittags und abends geöffnete Märkte, auf denen sich die Nachbarn auf einen Apéro (Aperitif) treffen, die Fromagérie (Käseladen) nebenan oder der Traiteur (Feinkostladen) an der Ecke erleichtern die Vorbereitung von dreigängigen Abendmenüs, die hier nicht unüblich sind. Die Nähe zu Frankreich ist offenkundig.

Was sollte man vor einem Auslandseinsatz in Belgien wissen?

Nicole Bordelais

Belgien ist, auch aufgrund seine Geschichte, in vielerlei Hinsicht ein zweigeteiltes Land. Die Sprachgrenze zwischen dem flämischen und dem wallonischen Teil stellt oft auch eine Kulturgrenze dar, die man als Außenstehender nur schwer verstehen und über die man mit Einheimischen auch nicht unbedingt diskutieren kann. Brüssel befindet sich mit seiner offiziellen Zweisprachigkeit in einer Sondersituation, die man nicht auf den Rest des Landes übertragen kann und sollte. Beide Landessprachen zumindest rudimentär zu erlernen ist deswegen der Schlüssel für ein besseres Verständnis Belgiens und seiner Bewohner auch außerhalb der Hauptstadt.

Was ist das Besondere an der Schule, an der Sie tätig sind?

Nicole Bordelais

Im Gegensatz zu den meisten anderen Deutschen Auslandsschulen ist die Internationale Deutsche Schule Brüssel keine Begegnungsschule im eigentlichen Sinn, d.h. die Schülerinnen und Schüler entstammen meist deutschsprachigen oder zumindest teilweise deutschsprachigen Elternhäusern und sind oft nur für eine begrenzte Zeit in Belgien (anders als zum Beispiel in Südamerika oder anderen europäischen Staaten). Das sorgt für eine recht hohe Fluktuation, bietet aber auch – z.B. im Bereich Deutsch oder Geschichte – andere Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung.

Bitte vervollständigen Sie diesen Satz: : „... und darum war es genau die richtige Entscheidung, ins Ausland zu gehen.“

Nicole Bordelais

Warum geht man ins Ausland? Um zu sehen, dass das Leben auch ganz anders laufen kann als bei uns. Nehmen wir zum Beispiel den Punkt „Freundlichkeit im Alltag“. Die Deutschen sind ja bekannt als, euphemistisch formuliert, sehr direkte Menschen. Ohne sich lange mit Begrüßungsformeln oder Gesprächsritualen aufzuhalten, kommen sie gerne direkt zum Punkt. Wer sich schon mal längere Zeit im anglophonen Ausland aufgehalten hat, dem ist der Unterschied zwischen britischer Formelsprache und amerikanischer Überschwänglichkeit und der deutschen Geradlinigkeit sicher aufgefallen. Auch die Franzosen halten uns oft für „impoli“ (unhöflich). In Frankreich etwa sind Eltern entsetzt, wenn ihre Kinder nicht „bonjour“ und „merci“ sagen, in Deutschland wird das meist übergangen oder nicht thematisiert.?Nun beschränkt sich diese Art des Umgangs mit seinen Mitmenschen nicht allein auf die Sprache.

Lange Jahre als Bewohnerin einer deutschen Großstadt lassen mich zu dem Schluss kommen:  In Deutschland bleiben Menschen nicht nur gerne an roten Ampeln stehen, sie weisen auch andere gerne zurecht, wenn sie es nicht tun. Es wird geschimpft und gemeckert, kommentiert und besser gewusst. Brüssel und seine Bewohner zeigen mir jeden Tag, dass es auch anders geht. Es finden sich immer Menschen, die den Kinderwagen – oder die Kinder – tragen, und das ganz ohne blöde Kommentare, stattdessen mit einem Lächeln. Meine größte Sorge in Bezug auf die Kinder ist hier, wie ich Menschen höflich signalisieren kann, ihnen nicht immer Süßigkeiten zuzustecken – denn das passiert regelmäßig. ??Aber nicht nur mit Kindern gibt es einen allgemein entspannteren Umgang mit unangenehmen Situationen. Lange Kassenschlange? Na, dann wartet man eben. Und lächelt der Kassiererin zu, denn schließlich hat sie gerade Stress, nicht ich. Dafür weist sie mich dann auch darauf hin, dass ich ein Angebot übersehen habe („Wollen Sie sich nicht noch ein zweites Paket Trauben holen? Das ist gratis!“) oder schickt einen Kollegen los, um das Gemüse nochmal abzuwiegen, von dem der Bon verloren gegangen ist. Das ist vielleicht nicht schnell, oder, wie man heute sagt, effizient, aber freundlich.

Genauso wie man hier jedem zum Abschied noch einen schönen Tag wünscht.?Überhaupt, das Lächeln. Wenn ich in Hinblick auf Umgangsformen den größten Unterschied zwischen Brüssel und meiner deutschen Heimatstadt benennen müsste, wäre es das Lächeln. Es zeigt eine andere Form der Wahrnehmung und der Wertschätzung. Menschen hasten nicht nur aneinander vorbei, sondern sehen sich an, nehmen sich Zeit für eine nette Geste. Da können die direkten Deutschen noch viel lernen ...und darum war es genau die richtige Entscheidung, ins Ausland zu gehen.


(Fotos: © Louise Schmidt)

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